Wer eine Solaranlage auf dem Dach hat, der verbraucht oft mehr Strom als zuvor. Eine neue Studie zeigt, warum dieser Effekt für die Energiewende relevant sein kann.
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Haushalte mit einer Dach-PV-Anlage tendieren dazu, mehr Strom zu verbrauchen als sie es vor der Installation der Solarmodule taten. Eine in der renommierten Fachzeitschrift Nature Energy veröffentlichte Studie der FernUniversität in Hagen geht auf diesen sogenannte Solar-Rebound-Effekt ein und verrrät, warum er für die gesamte europäische Energiewende von Bedeutung sein kann.
Die Untersuchung von Mensur Delić und Jun.-Prof. Michael Bucksteeg ist Mitte April im Journal Nature Energy erschienen – die Fachzeitschrift gilt als die einflussreichste Wissenschaftspublikation im Energiesektor. Im englischen Original heißt die Studie „Implications of the solar rebound effect for the European energy transition“, sie ist hier in Kurzform gratis einsehbar. Im Mittelpunkt steht der sogenannte Solar Rebound Effect: Der besagt, dass Haushalte mit Photovoltaikanlage häufig ihren Stromverbrauch erhöhen, weil selbst erzeugte Energie als besonders günstig oder sogar als „kostenlos“ wahrgenommen wird.
Was hinter dem Solar-Rebound-Effekt steckt
Der Solar-Rebound-Effekt beschreibt ein Verhalten, das auf den ersten Blick widersprüchlich wirkt: Obwohl Photovoltaik dazu beitragen soll, Emissionen zu senken und fossile Energieträger zu ersetzen, steigt in manchen Haushalten nach der Installation einer Anlage der Stromverbrauch. Aus Sicht der Forschenden ist das kein Nebenaspekt, sondern ein Faktor, der in der europäischen Energieplanung stärker berücksichtigt werden sollte.
Denn entscheidend ist nicht nur, wie viel zusätzlich verbraucht wird, sondern auch wann. Wird mehr Strom vor allem in sonnenreichen Stunden genutzt, ist das für das Energiesystem deutlich leichter zu verkraften als zusätzlicher Verbrauch am Abend, in der Nacht oder im Winter.

Folgen für Kosten und Planung
Für ihre Analyse haben die Autoren empirisch beobachtete Rebound-Effekte in ein Modell des europäischen Energiesystems integriert. Ihre Ergebnisse zeigen: Zusätzlicher Stromverbrauch durch den Solar-Rebound-Effekt erhöht den Bedarf an Erzeugungskapazitäten, Flexibilität und Infrastruktur; damit steigen auch die Systemkosten.
Gleichzeitig verweisen die Autoren auf ein Verteilungsproblem. Wenn durch verändertes Verbrauchsverhalten höhere Kosten im Stromsystem entstehen, tragen diese nicht nur die Haushalte mit eigener Solaranlage. Sie könnten auf viele Stromkundinnen und Stromkunden verteilt werden.
Anreize für netzdienliches Verhalten, Impuls für die Energiewende
Die Studie spricht sich deshalb dafür aus, das Verbrauchsverhalten von Haushalten mit PV-Strom stärker an der Erzeugung erneuerbarer Energien auszurichten – zusätzlicher Stromverbrauch sollte möglichst dann stattfinden, wenn viel Solarstrom verfügbar ist. Denkbar sind dafür etwa zeitvariable Tarife, Lastverschiebung und weitere Anreize für flexible Nutzung. Außerdem kommen hier auch smarte Systeme zum Tragen: Ein vernetzter Haushalt, in dem Stromerzeugung und -verbrauch automatisch erfasst werden, kann den Mehrverbrauch leichter in Phasen der PV-Strom-Erzeugung verlagern; moderne Wärmepumpen und smarte Speicher können, zum Teil durch KI-optimierte Automatisierungen, dabei helfen, solche Prozess auch in Haushalten zu erleichtern, deren Besitzer weniger technisch versiert.
Die Veröffentlichung macht deutlich, dass ein Ausbau der PV-Kapazitäten im Privatsektor allein nicht ausreicht. Für eine erfolgreiche Energiewende kommt es auch darauf an, wie Menschen mit selbst erzeugter Energie umgehen. Die Studie aus Hagen verbindet diese Verhaltensperspektive mit der Frage, wie Europas Energiesystem künftig effizient, bezahlbar und fair organisiert werden kann.





